Neusprech als Mittel zur Verharmlosung, Verdrehung und Spaltung

29. März 2021 Gastbeiträge

Autorin: Betsy McDowell ∙ Presse AG ∙ dieBasis Hamburg


Wörter können Waffen sein, und wer die Hoheit über das hat, was und wie berichtet und verbreitet wird, hat die Macht über das, was die Massen denken.
In der Kurzgeschichte „Ein Tisch ist ein Tisch“ erzählt Peter Bichsel von einem älteren alleinlebenden Herrn, der eines Tages auf die Idee kommt, den Dingen um sich herum neue Namen zu geben. Fortan nennt er das Bett „Bild“, den Stuhl „Wecker“, den Tisch „Teppich“ und so weiter. Das Ende vom Lied ist, dass er seine Mitmenschen nicht mehr versteht und vereinsamt.

Etwas Anderes passiert, wenn neue Wörter künstlich „von außen“ eingeführt werden. Zu welchem Zeitpunkt wurde uns zum Beispiel das Wort „entsorgen“ untergejubelt, um es anstelle von „wegwerfen“ zu gebrauchen. Was sollte das bezwecken? Dass wir uns sorglos dem Konsum hingeben und uns keine Sorgen mehr um den Müll machen, den wir dadurch produzieren? Oder das Wort „finanzieren“: Hört sich das nicht fast so an, als hätte man das Geld bereits, mit dem man das neue Auto kaufen möchte? Früher haben wir allen Müll weggeschmissen und mussten uns für größere Anschaffungen Geld von der Bank leihen. Heute läuft das anders, zumindest im Kopf! Wir „entsorgen“ und „finanzieren“. Das klingt doch viel unkomplizierter.

Auch hat die Werbeindustrie das simple kleine Wort „kaufen“ durch „holen“ ersetzt. Da hört man, wie Leute sagen: „Das hol ich mir.“ So als ob man direkt, ohne bezahlen zu müssen, an der Kasse vorbeigehen könne. Auch hier gilt: Der Vorgang ist derselbe wie vorher, aber was gleichzeitig im Kopf passiert, ist etwas elementar Anderes.

Derzeit nun wird mit „Denglisch“ verharmlost sowie mit verbalen Neukreationen und verstaubten Wortkeulen scharf geschossen.

Was unser derzeitiges Leben anbelangt, so sitzen wir – wenn wir die Wörter nutzen, die offiziell vorgegeben sind – im „lock down“ und arbeiten im „home office“ (eine in der englischen Sprache nicht existente Wortkombination). Wir können unsere Familien und Freunde wegen „social distancing“ nicht sehen, und wegen des „shut downs“ macht es keinen Sinn in die Stadt zu fahren, denn das, was man im Schaufenster sieht, kann man nicht kaufen.

Wie würde sich das lesen, wenn man es übersetzt und es so sagt, wie es faktisch ist? Nun: Die Regierung hat einen allgemeinen Hausarrest angeordnet, und für viele Menschen in Deutschland herrscht ein Berufsverbot. Es ist uns unter Strafe verboten, mit den Menschen, die uns wichtig sind und die uns vielleicht brauchen, persönlichen Kontakt zu haben. Teil des Berufsverbots ist die Zwangsschließung von Geschäften. Restaurants, Cafés, Kinos und Theater sind ebenfalls zwangsgeschlossen und deren Betreiber sind vielerorts schon längst zutiefst verzweifelt, manche gar am Ende.

Ist das Ergebnis eines PCR-Tests positiv, muss der Getestete – egal, ob Kleinkind, pflegebedürftig oder berufstätig – zuhause bleiben, was einem Freiheitsentzug gleichkommt, und zwar in der schwersten Form, der Einzelhaft.

Und wer Ausgangssperre sagt, meint eigentlich „Einschluss“. Wer sähe bei diesem Wort nicht den Vollzugbeamten, der mit dem großen Schlüsselbund durch die Gänge der Justizvollzugsanstalt geht und die Türen zu den Zellen verschließt? Vor allem Heimbewohner, in Deutschland sind es in etwa 900.00 Menschen, befinden sich oft in solch erzwungener Isolation, was in manchem Fall einer Körperverletzung mit Todesfolge gleichkommt.

Wer in Bezug auf die „neue Normalität“ Bedenken anmeldet oder Fragen stellt, war anfangs noch ein Covidiot, Aluhutträger oder Verschwörungstheoretiker. Begriffe, bei denen man fast etwas schmunzeln musste. Doch das Lachen ist inzwischen allen vergangen. Auch ob der verschärften Wortwahl von Seiten der Politik und der Medien, die unterstellen, dass Menschen, die die Maßnahmen kritisieren, behaupten, es gäbe das Corona-Virus nicht. Diese Menschen werden undifferenziert als Corona-Leugner abgestempelt, wo Maßnahmenkritiker das richtigere Wort wäre.

Außerdem reihen sich Begriffe wie Rechte, Reichsbürger, Antisemiten und Faschisten in den alltäglichen Sprachgebrauch ein, und Begriffe, die vor gar nicht allzu langer Zeit die Ausnahme waren, sind plötzlich Normalität. Die Frage ist nun, ob die Verunglimpfungsskala nach oben offen oder die Munition verschossen ist? Und vor allem: Könnte uns die Situation deutlicher werden, wenn wir sie aus der Perspektive unserer Muttersprache betrachten würden und könnte das ein kleines Stück des Wegs zurück zur Geschlossenheit sein? Übrigens wäre ein Tisch dann auch wieder ein Tisch.