Mein Vertrauen hat sich in Wut und Enttäuschung gewandelt

13. April 2021 Interviews

Wie eine Sozialarbeiterin den täglichen Spagat zwischen Klienten und Kollegen meistert
von Astrid Kießling

AK: Hallo Anne, danke dass du dich für ein Interview bereit erklärt hast. Wir wollen heute darüber sprechen, wie du das letzte Jahr erlebt hast. Wie warst du darauf vorbereitet?

Anne: Ich arbeite in einer mittelgroßen Hamburger Stiftung, die zum einen Kitas und ambulante und stationäre Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe betreibt, und zum anderen Einrichtungen und Angebote der Eingliederungshilfe. Ich arbeite seit vielen Jahren in der ambulanten Hilfe für Menschen mit psychischer Erkrankung. Vor einigen Jahren richteten wir – nach dem damals neuesten  behördlichen Standard (das Motto lautete „Gruppe hilft“) –  eine Begegnungsstätte ein.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich lebendige Begegnungsräume für unsere KlientInnen und letztendlich auch für uns MitarbeiterInnen. Es entstand eine Kunstgruppe, es wurde zusammen gekocht, gebacken und gegessen, gespielt und vieles mehr. Wir trafen häufig mit anderen Menschen, zum Teil auch aus der Nachbarschaft, aufeinander und waren im Sozialraum bekannt und beliebt – die Haustür stand für alle offen.

Das war unsere Stärke – diese Offenheit und die Vernetzung hinein in den Stadtteil.

All das ist jetzt komplett anders. An der abgeschlossenen Haustür muss geklingelt werden, um abzuklären, wer mit welchem Anliegen kommt bzw. mit wem man verabredet ist. Es gibt nur noch Einzelkontakte, die vorher vereinbart werden. Vieles wird per Telefon, per Videochat oder e-mail mit den KlientInnen besprochen. Und mit viel Abstand – dafür war der Chef persönlich mit dem Zollstock da… und natürlich mit Maske.

Das ist eine völlige Umkehr von Offenheit zur Abschottung und unser Träger macht das klaglos mit, er bekommt staatliche Gelder und ist damit systemrelevant und abhängig. Bis heute haben wir keine Corona-Fälle, Infektionen oder Todesfälle in unserer Einrichtung gehabt. 

AK: Mich erschüttert es, mir vorzustellen wie die Klienten so allein gelassen werden, was ihnen alles genommen wurde. Was sagst du?

Anne: Einige Klienten kommen damit erstaunlich gut zurecht. Vielleicht sind sie geübt im allein Überleben, geübt, Krisen zu bestehen. Obwohl viele immer wieder fragen: “Wann macht ihr wieder auf?“

Aber zu anderen Klienten, die sowieso mit Ängsten, Soziophobien oder Depressionen zu tun haben, ist es schwer, den Kontakt zu halten. Die, die sich nicht so äußern können, geben oft längere Zeit keine Rückmeldung, da weiß man gar nicht, wie sie das erleben. Am schwierigsten ist das für die, die nicht telefonieren können. Deshalb machen wir dann doch, obwohl das von der Leitung nicht gern gesehen ist, Hausbesuche. Um überhaupt die Leute mal zu sehen und eventuell auch mal raus zu gehen, auch um Wichtiges zu erledigen. Zum Glück habe ich meine Therapiehündin, die ist der Kontaktklebstoff und viele mögen mit mir und ihr spazieren gehen, in der Natur – ohne Maske, oder freuen sich einfach, so richtig mit ihr zu kuscheln.

AK: Wie ist deine Haltung grundsätzlich zu unserer Demokratie früher und heute?

Anne: Ich hatte ja schon immer eine gewisse Staatsskepsis und viel Kritik – auch schon vor Corona – und hab‘ sowieso nicht alles geglaubt, was erzählt wurde. Allerdings würde ich sagen, dass ich doch ein gewisses Restgrundvertrauen in die Demokratie in Deutschland hatte, was jetzt allerdings völlig zerbrochen ist. Als der zweite Lockdown auf Künstler, Gaststätten, kleine Einzelhändler etc. ausgedehnt wurde – ohne Begründung durch besondere Infektionsrisiken in diesen Bereichen, da war mir restlos klar: Hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Die PCR-Test-Problematik, davon weiß man ja mittlerweile… Es gibt so viele Ungereimtheiten… Da hab ich dann auch mal die KollegInnen gefragt. Ich arbeite schon lange in diesem Bereich, sehr konstant immer mit denselben Mitarbeitenden zusammen. Da kam so eine Wucht an Widerstand nur auf meine Frage hin zurück, völlig unverständlich, dass ich das jetzt gelassen habe. Profitieren tun meine KollegInnen allerdings davon, dass ich als Risikogruppe (vom Alter her) die Klienten gern analog treffe, was mir keine Probleme bereitet. Ich habe keine Angst vor Ansteckung. Und das scheint sie ein wenig zu erleichtern.

Obwohl ich meine KollegInnen in keinster Weise diskreditieren möchte, sie geben auch ihr Bestes. Und ich möchte die Vertrauensbasis nicht verlieren – dafür steck‘ ich dann lieber weg. Was für ein Spagat und wie irre, nicht einfach unterschiedlicher Meinung sein zu können! Bisher galten unterschiedliche Meinungen als normal – im besten Sinne!

Schlimm ist für mich auch die Entwicklung der Antifa. Anstatt sich einem echten antifaschistischen Kampf zu widmen, stellt sie bisherige Gleichgesinnte als Nazis in die rechte Ecke.

AK: Im Dauerlockdown sehnt und wünscht man sich eine bessere Zukunft herbei. Wie ist das bei dir konkret, was soll danach kommen?

Anne: Ich glaube die Aufhebung erfolgt in kleinen Schritten, so wie ein Raus-schleichen. Aber auch danach wird eine Spaltung der Menschen bleiben, die Politik hat in Sachen Hetze, Ausgrenzung, Manipulation etc. ganze Arbeit geleistet.

Aber ich bin froh, dass es Menschen gibt, die diese Situation aufarbeiten werden, die, die schon jetzt in den Startlöchern stehen. Ich persönlich werde wohl erst mal heulen, um den Dauerdruck rauszulassen. Ich bin empört und fühle Wut vor allem für die, die wirklich daran zerbrechen, ihre Gesundheit, ihre Existenzgrundlage, ihre Zukunft… mit all den unabsehbaren Folgen für unsere Gesellschaft. Und ich muss klarkommen mit meiner Riesenenttäuschung und dem Verlust an Vertrauen. Wir leben wohl doch nicht in einer Demokratie. Es kann nicht sein, dass die Grundrechte einfach mal so eben eingeschränkt und immer drastischere Maßnahmen ohne Evidenz verhängt werden! Ich versteh das nicht!

Ich möchte so gern danach wieder im besten Sinne eine Sozialarbeiterin für die Menschen sein und dazu beitragen, dass wir alle ein gutes Leben führen können.