LEITLINIEN FÜR EINE NEUE BILDUNGSPOLITIK

29. Juni 2021 Bildung, Themen

Die AG Bildung und Erziehung des Hamburger Landesverbandes schlägt die folgenden Leitlinien für eine neue Bildungspolitik vor:

Präambel:

Freie und selbstbestimmte Bildung ist als ein hohes Gut zu erachten. Sie wird getragen von der Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt, die auf der einzigartigen Fähigkeit des Menschen beruht, freie Entscheidungen zu treffen.

Somit ist das vorrangige Ziel der Bildung die Entwicklung zum frei denkenden, selbstbestimmten und mitverantwortlichen Menschen, als Garant einer lebenswerten und offenen Gesellschaft für alle.

Menschenbild:

Jeder Mensch, der auf die Welt kommt, ist von Grund auf neugierig und möchte sich und die Welt entdecken, d.h. Kinder haben ein natürliches Bedürfnis nach Bildung. Die Rolle der Menschen, die das Kind begleiten, besteht darin, diese Bedürfnisse zu sehen, zu wecken und zu fördern.

Alle Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Entwicklung und Entfaltung sind bereits in uns Menschen angelegt. Wichtig für eine gelingende Entwicklung sind vielfältige Angebote, eine offene Lernumgebung sowie zugewandte, vertrauensvolle Beziehungen in einem geschützten Rahmen.

Dabei muss die Identitätsentwicklung eine zentrale Rolle spielen. Wir Menschen wollen in unserer Individualität gesehen und wahrgenommen werden; nur dann können wir uns in Selbstvertrauen entfalten.

Leitlinien:

  • Lernen kann am ehesten in einem Rahmen stattfinden, in dem Menschen gerne zusammenkommen und Zeit für Begegnung haben.
  • Kritisches, hinterfragendes Denken und eine achtsame, auf Augenhöhe stattfindende Streitkultur sollen gefördert werden.
  • Alle Beteiligten sollen gleichermaßen neue Erkenntnisse, Fertigkeiten und soziale Fähigkeiten erwerben und sich gegenseitig gemeinsam stetig inspirieren, fort- und weiterentwickeln.
    (Ergebnisoffene Lerneinheiten)
  • Ausstattung, Raumangebot sowie Personal- und Schülerschlüssel dürfen nicht ökonomischen, sondern müssen pädagogischen Grundsätzen folgen.
    (Entökonomisierung)
  • Räume müssen gemeinsames und individuelles Lernen unterstützen und so ausgestattet und gestaltet sein, dass zeitgemäße pädagogische Konzepte umgesetzt werden können.
    (Flexible Raumkonzepte)
  • Zum Zwecke überschaubarer, integrativer Gruppen sollen anstelle großer Schulen, wo möglich und erwünscht, kleinere Einrichtungen im Sinne erweiterter Profilangebote kooperieren.
    (Kooperation statt Konkurrenz)
  • Überwindung der Chancenungleichheit: Lernerfolg darf nicht vom sozioökonomischen Status abhängen.
  • Langfristig muss Schule an den Biorhythmus angeglichen und in den Stadtteil integriert werden.
    (Kasernencharakter auflösen)
  • Schule und Kitas sollen zu einem Ort der generationenübergreifenden Begegnung werden.
    (Schule/Kita/Seniorenresidenz als Ort der Begegnung)
  • Homogene Jahrgänge sind mittelfristig möglichst zu überwinden; jahrgangsübergreifendes Lernen sollte stärker forciert und zunächst kurzfristig in Projekten realisiert werden.
  • Lerninhalte sollen einen lebensnahen Bezug haben, ohne klassisches Grundwissen zu vernachlässigen.
  • Kurzfristiges Auswendiglernen umfangreicher Inhalte sollte zugunsten langfristig angelegter Inhalte ersetzt werden.
    (kein Bulimielernen)
  • Zur Stärkung der transversalen Kompetenzen, die unabhängig von einem Fachbereich anwendbar sind, sollte fächerübergreifendes Lernen Möglichkeiten der Nachhaltigkeit und Vernetzung bieten.
    (Interdisziplinäres Lernen)
  • Die Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenfächern soll zugunsten des fächerübergreifenden Lernens in Grundfertigkeiten (z.B. Sprache und Sprachbewusstsein) und angewandte Fertigkeiten transformiert werden.
  • Ästhetischen Lerninhalten sollen aufgrund ihres schöpferischen Potentials mehr Bedeutung eingeräumt werden.
  • Es sollen zunächst die vorhandenen Strukturen genutzt werden, um eine behutsame Transformation hin zu einem an den Menschen orientierten Bildungssystem zu entwickeln. (Subsidiarität)
  • Die selbstverwaltete Schule sollte dezentral, lokal verankert und unpolitisch sein und sich aus sich selbst heraus verändern können.

Ein derart gestaltetes Bildungswesen und Basisdemokratie bedingen sich gegenseitig.

Die hier erarbeiteten Leitlinien verstehen sich weder als erschöpfend noch abschließend.

Basisdemokratie setzt mündige Menschen voraus, die sich ihrer Würde und der Würde der anderen bewusst sind.

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