Warum die gemeinsame Realität für eine funktionierende Demokratie eine so große Bedeutung hat

Der berühmte Psychologe Tory E. Higgins hat als erster die Bedeutung der gemeinsamen Realität als einen der drei zentralen Grundpfeiler der menschlichen Motivation erkannt und beschrieben. Als Fußnote: (Für Interessierte: die anderen beiden Grundpfeiler sind (a) Maximierung von Vergnügen & Minimierung von Schmerzen sowie (b) Kontrolle, also das Erleben von Selbst-Wirksamkeit; Buch-Empfehlung: „beyond pleasure and pain“). Als Menschen haben wir den unstillbaren Wunsch, Wahrheit zu erkennen.

Auch wenn die Zusammenhänge komplex und oft schwer zu enträtseln sind, so sind die entscheidenden Mechanismen inzwischen klar: ohne gemeinsame Realität gibt es keine anhaltende Motivation, sich zu engagieren oder überhaupt etwas (in diesem Feld) zu unternehmen. Wenn wir die Wahrheit nicht erkennen können, wissen wir auch nicht, was richtig oder falsch ist und was wir tun sollten.

Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen. Die Abwendung vieler Bürger von der aktuellen Politik, die sich u.a. in den sinkenden Beteiligungs-Zahlen an den Wahlen der letzten Jahrzehnte ausdrückt, lässt sich sehr gut dadurch erklären, dass viele der Regierenden nicht mehr wissen, was den normalen, durchschnittlichen Bürger bewegt. Unser Wirtschaftsminister hat das ja mehrfach bewiesen: zum einen weiß er ofenkundig nicht, was Insolvenz bedeutet (im Gegensatz zu allen kleinen Unternehmern und Selbstständigen), zum anderen waren und sind ihm die fatalen Folgen seiner Gesetze (insbesondere Gebäude Energie Gesetz) offenbar nicht bewusst oder egal; der Rest der Republik kauft vermehrt Gas- und Ölheizungen (bevor diese verboten werden sollen) und verzichtet auf Wärmepumpen ebenso wie auf E-Autos. Offenbar gab es in den letzten Jahren zwischen der Führung des Wirtschaftsministeriums (Minister, Staats-Sekretär) und der großen Mehrheit der Bevölkerung keinen gemeinsamen Blick mehr auf das, was Realität ist. Den Aussagen der Vertreter von Industrie und Handwerk nach hat sich an diesem Zustand auch in den letzten Wochen nicht viel geändert. Wenn die Ideologie die Wirklichkeit ersetzt, dann ist die Demokratie verloren.

Gleichzeitig wird die Diskussion mit abweichenden Meinungen in den letzten Jahren unsachlicher und emotionaler, so dass sich beispielsweise die Wähler der AfD (die nun nicht alle so weit rechts sind wie Herr Höcke) mehr und mehr von den so genannten Mainstream-Medien abkoppeln, um die Konfrontation mit abweichenden Meinungen (oft genug diskriminierend geäußert) zu vermeiden. Daran sind viele Beiträge in den Mainstream-Medien schuld, in denen abweichende Meinungen nicht sachlich dargestellt, sondern unsachlich und oft verkürzt wiedergegeben und diskriminiert werden. Man denke an die willkürliche Diskriminierung aller Gegner der jeweils aktuellen Masken-, Impf- und Abgrenzungs-Politik, die den von der willkürlich praktizierten Politik abhängigen Bürger über Monate hinweg eine Zumutung nach der anderen abverlangte. Abweichende Meinungen wurden damals hochemotional verfolgt, ausgegrenzt und massiv diskriminiert. Nur ein Beispiel: heute sind die damals vehement verteidigten Schulschließungen wissenschaftlich hoch umstritten (um es freundlich auszudrücken), während sie damals als alternativlos und nicht diskutabel notwendig dargestellt wurden.

Die Abkehr von den Mainstream-Medien ist die nachvollziehbare Reaktion auf die zunehmende Unsachlichkeit, Ideologisierung und Emotionalisierung ihrer Darstellungs-Qualität. Während die Tageschau vor 40 Jahren peinlichst genau jede Parteilichkeit zugunsten einer Partei oder Meinung vermieden hat, erkennt man heute in nahezu jeder Ausgabe eine starke Tendenz zur regierungsfreundlichen Interpretation, der Fakten-Auswahl und der Darstellung der Fakten selbst. Das wird insbesondere deutlich bei den Themen Energiewende, Energieverbrauch, Energieproduktion im Ausland und am Anteil Deutschlands an der CO2-Produktion in der Welt und den möglichen Effekten; vollkommen unterschlagen wurde in den letzten Wochen, dass unser CO2-Ausstoss im letzten Jahr rückläufig war, weil (a) unsere Wirtschaftsleistung gesunken ist und (b) weil wir den Strom nicht mehr selbst erzeugt haben, sondern zum ersten Mal in der Geschichte der Republik zum Netto-Importeur geworden sind, der den Strom aus Frankreich (Atomstrom) und u.a. aus Tschechien (Braunkohle-Strom) importiert hat. Sprich: wir haben die CO2-Produktion ins Ausland verlagert und loben uns dafür, anstatt die dahinter stehende Ideologie aufzuzeigen. Ist es Wahnsinn, hat es doch Methode. Was auch verschwiegen wird: beim aktuellen Strom-Mix sind Verbrennungsmotoren vermutlich deutlich weniger umweltschädlich als E-Autos.

Demokratie aber braucht den Austausch und die Diskussion und damit zwingend einen Dialog mit Anders-Denkenden. Wie sollen wir wählen, wenn wir nicht mehr wissen, was die Wirklichkeit ist?

Wenn dieser Dialog in den Mainstream-Medien nicht mehr stattfindet und abgebildet wird (abweichend vom geltenden Staatsvertrag, aber das nur nebenbei), dann müssen wir uns alle fragen, wo und wie wir diesen Dialog führen wollen. Diese Plattform stellt eine Möglichkeit dar, welche wir selber in eine aktuelle Wirklichkeit transformieren können.

Wahrheit gibt es nicht allein, sondern im Dialog. Unser Gehirn ist nicht so konstruiert, dass es allein in Alternativen denken kann. Zum Dialog gehört eben auch Zuhören, gerade auch das Hören ganz anderer Auffassungen, auch wenn es nicht gefällt. Inzwischen gibt es von den Rundfunkgebühren finanzierte Internet-Auftritte wie die „hessenschau“, in denen sogar dem ehemaligen Verfassungsschutz Mitarbeiter Herrn Maaßen vorgeworfen wird, mit seinen Auftritten die Demokratie zu gefährden. So sprechen sich beide Seiten die Existenzberechtigung ab und das Resultat ist der Verlust jeglicher gemeinsamen Realität: Der Weg zu gewaltfreier Kommunikation wird verbaut und verlassen.

Wir sollten uns dieser Fehler bewusst werden und dieselben bei der Schaffung einer neuen Plattform vermeiden.

Der Verlust des linearen Fernsehens, das Streamen von selbst gewählten Inhalten, Logarithmen, die einem nur das aussuchen, was man sehen will und die sich ständig verkürzende Aufmerksamkeit-Spanne der Menschen und die immer kürzere Verweildauer auch komplexer Themen in den Mainstream-Medien führt zu einer extremen Verkürzung der Sach-Betrachtung und damit einhergehend zu einer immer stärker werdenden Emotionalisierung der Diskussion. Mit Emotionen lässt sich viel mehr Geld verdienen als mit einer sachlichen Betrachtung der Wirklichkeit (weshalb wir alle auch viel zu viel Geld für überteuerte Marken-Artikel ausgeben).

Von den allermeisten Wissensgebieten auf dieser Erde verstehen wir relativ wenig: von der Kohlenstoff-Chemie über die Bedeutung des Zuckers in der Verbreitung der Sklaverei über die Thermodynamik in der Physik: niemand kann mehr als nur ein Bruchteil des heute verfügbaren Wissens kennen lernen oder verstehen und anwenden. Was bleibt ist der angemessene Umgang mit allen Informationen auf der Grundlage von Kriterien, die sich im Laufe der Jahrhunderte bewährt haben:

Logik

Vernunft

Sach-Aufklärung

Dialog

Diskussion

Offenheit gegenüber Argumenten

De-Emotionalisierung

In diesem Sinne geht es darum, sich die Diskussion zurück zu erobern und damit die Basis für unsere Demokratie neu zu erschaffen. Das können wir nur selber leisten. Alle Etablierten scheinen Offenkundig andere Interessen zu verfolgen.

Insofern empfehle ich die Diskussion der sieben oben formulierten Prinzipien. Emotionen geben den Antrieb für das Handeln, sind aber ein schlechter Lenker für inhaltliche Auseinandersetzungen.

Autor: Heinrich Wolerts

2 Kommentare

  1. Gut erklärt. Die Bedeutung der gemeinsamen Realität zeigt sich auch im Privaten: In den Corona-Jahren ist die gemeinsame Realität mit einigen – früher guten Freunden und sogar mit Familienmitgliedern verloren gegangen. Nun verstehe ich endlich, warum inzwischen schier jegliche Motivation fehlt, sich zu engagieren und etwas (dagegen) zu unternehmen. Auf beiden Seiten vermutlich…
    Eine schwierige Aufgabe das zu überwinden!

  2. „Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet. Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, sind wir alle unwiderruflich gefesselt.“

    Das ist kein Satz eines großen Philosophen. Gesagt hat diesen Jean-Luc Picard, Captain des Raumschiffs Enterprise. Nur, weil er von einer fiktiven Persönlichkeit des 24. Jahrhunderts gesagt wird, ist er nicht verkehrt.

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