Eine Stadt zwischen Handel, Krieg und Verantwortung

Hamburg versteht sich gern als „Tor zur Welt“. Das klingt nach Handel, Austausch und Offenheit. Nach Schiffen, die Waren bringen, und Menschen, die gehen und kommen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn wer genauer hinschaut, sieht eine andere Wahrheit. Eine Wahrheit, die sich durch die Geschichte zieht, kaum beachtet aber erstaunlich konstant. Hamburg war nie nur Handelsplatz. Hamburg war immer auch Teil von Kriegen.
Die vergessenen Kriege
Wenn heute über Krieg gesprochen wird, dann über die medienwirksam aufbereiteten Konflikte: Ukraine. Gaza. Iran. Doch die blutigsten Kriege finden anderswo statt. Diese liefern keine täglichen Schlagzeilen; sie sind vergessen.
Im Jemen sind seit Jahren hunderttausende Menschen durch Kämpfe, Hunger und Krankheiten gestorben. Im Sudan zerfällt ein Staat, während Milizen in blutigen Orgien um die Macht kämpfen. In der Sahel-Zone, also in Mali, Niger und Burkina Faso, breiten sich Gewalt und Instabilität aus.
Diese Konflikte klingen „fern“, aber auch wir tragen eine Mitverantwortung. Und die Konflikte haben Verbindungen nach Europa, auch nach Hamburg.
Der Hafen als Logistikdrehscheibe
Hamburg ist kein unbeteiligter Ort in diesem Gefüge. Der Hafen ist einer der größten Umschlagplätze Europas. Hier werden nicht nur Konsumgüter verladen. Auch Rüstungsgüter gehen durch deutsche Häfen und über die zivile Infrastruktur. Diese Erkenntnis wird der Öffentlichkeit von Hamburgs Politikern weitgehend vorenthalten und bleibt weitgehend intransparent.
Das bedeutet nicht, dass Hamburg Kriege führt. Dies hat sie letztmalig im Mittelalter im Verbund der Hanse getan. Aber Hamburg ist Teil der Lieferketten, die Kriege erst möglich machen.
Der Anteil von Rüstungsgütern am Gesamtumschlag des Hamburger Hafens ist mengenmäßig gering, bewegt sich aber kontinuierlich in relevanter Größenordnung. So werden Schätzungen zufolge jährlich etwa 10.000 bis 15.000 Tonnen Munition sowie rund 1.000 Container mit militärischem Material über Hamburg exportiert, wobei selbst einzelne Quartalsdaten Lieferungen von gepanzerten Fahrzeugen, Kriegsschiffsteilen und Artillerie belegen.
Gleichzeitig bleibt ein großer Teil dieser Transporte intransparent, da detaillierte Angaben zu Empfängerländern und Umfang der Lieferungen nur eingeschränkt veröffentlicht werden. Allerdings geht ein nicht unerheblicher Teil dieser Lieferungen in Entwicklungsländer. Entscheidend ist aber weniger die Menge als die Tatsache, dass der Hafen dauerhaft Teil globaler militärischer Lieferketten ist.
Geld aus Hamburg
Weniger offensichtlich ist, das Geld aus Hamburg das Konfliktpotential befeuert. Hamburg ist ein bedeutender Finanzstandort. Große Privatbanken, Vermögensverwalter, Beteiligungsgesellschaften sitzen hier. Berenberg Bank, M.M.Warburg & Co und andere Kreditinstitute investieren weltweit, auch in Industrien, die indirekt mit Konflikten im Zusammenhang stehen. Es geht dabei häufig um Energie, Rohstoffe und Infrastruktur.
Der Zusammenhang ist klar, denn Kapital sucht Rendite. Und Konfliktregionen sind oft eng mit Rohstoffen sowie strategischen und geopolitischen Interessen verbunden. Das Geld fließt nicht direkt in die Finanzierung von Kriege. Aber es fließt in Strukturen, die mit ihnen verflochten sind.
Medienmacht
Hamburg ist auch ein Medienstandort: Der Spiegel, Die ZEIT und Axel Springer SE. Diese Medien entscheiden, worüber gesprochen wird und worüber nicht. Die „großen“ Konflikte dominieren die Berichterstattung. Die vergessenen Kriege tauchen selten auf. Wenn es dennoch passiert, sind es kurze Randnotizen, häufig ohne Analyse und journalistische Tiefe. Am wichtigsten ist aber, dass anders als bei der medienwirksamen Kriegsberichterstattung keine kontinuierliche Berichterstattung erfolgt.
Das ist kein Zufall, es ist ein Mechanismus. Medien folgen der Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit folgt politischen und gesellschaftlichen Narrativen. Das Ergebnis ist immer dasselbe. Einige Kriege sind omnipräsent. Andere Kriege verschwinden aus der Berichterstattung und werden „unsichtbar“.
Historisch ist das nichts Neues. Hamburg war schon im Kolonialismus Teil globaler Machtstrukturen. Rohstoffe, Handelswege und militärische Logistik, alles lief über solche Logistikdrehscheiben. Es war so und ist heute immer noch so.
An dieser Struktur hat sich nichts geändert. Rohstoffe kommen aus Krisenregionen, Kapital fließt in häufig nicht transparent nachvollziehbare Projekte, und alles wird getragen durch die Logistik über globale Häfen. Es wird begünstigt durch das Wegsehen von Politikern und eine selektive Medienberichterstattung. Und Hamburg ist in diesem Gefüge kein Randakteur.
Verantwortung oder Verdrängung?
Das Problem liegt nicht darin, dass Hamburg Teil der globalen Wirtschaft ist. Das Problem ist, dass diese Rolle kaum reflektiert wird. Man spricht über Frieden, man fordert Diplomatie und kritisiert Kriege.
Gefragt wird aber nicht, welche Rolle wir selbst in diesem System spielen. Friedenspolitik beginnt nicht im Ausland. Wer Friedenspolitik ernst meint, kann nicht nur auf Konflikte schauen. Er muss die eigenen Strukturen erkennen. Für Hamburg heißt das konkret:
- Welche Güter laufen durch den Hafen?
- Welche Investitionen werden getätigt, von wem und wofür?
- Welche Konflikte finden in den Medien statt und welche nicht?
Hamburg ist nicht nur Beobachter globaler Konflikte. Die Stadt ist Teil eines Systems, das diese Konflikte mitträgt: wirtschaftlich, logistisch, finanziell und medial. Das bedeutet nicht Schuld im moralischen Sinn, es bedeutet aber Verantwortung.
Die Politik in Hamburg
Wir beobachten die Sitzungen der Hamburgischen Bürgerschaft. In den Sitzungen der Bürgerschaft werden Kriege verurteilt, wobei häufig Partei für eine Seite ergriffen wird. Eine Auseinandersetzung mit den Ursachen solcher Kriege bleibt aus. Aufforderungen für diplomatische Lösungen gibt es nicht oder sie wirken nur wie eine hohle Phrase. Auseinandersetzungen über die Mitverantwortung der deutschen Politik wird ängstlich vermieden. Und die „vergessenen“ Kriege im Kongo, dem Sudan, Äthiopien oder Mail stehen niemals auf der Tagesordnung. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesen Themen würde ja den Wirtschaftsstandort Hamburg gefährden.
dieBasis steht für Aufklärung, Transparenz, Bürgernähe und Ausgleich. Sie fordert eine Auseinandersetzung mit den Ursachen der Kriege und die Rolle Deutschlands als Vermittler und nicht als Kriegspartei. Und sie will Opfern der „vergessenen“ Kriege eine Stimme geben.
Quellen
Artikel „Die vergessenen Kriege und die Friedenspolitik“ – Die vergessenen Kriege und die Friedenspolitik – dieBasis | Basisdemokratische Partei Deutschland
Kamerun – der Krieg, über den niemand spricht – https://diebasis-partei.de/2026/04/kamerun-der-krieg-ueber-den-niemand-spricht/
Bundestag – Rüstungsexporte – Deutscher Bundestag – Rüstungsexporte über den Hamburger Hafen
Initiative Ziviler Hafen – Hamburg als Umschlagplatz für Waffen in alle Welt – Hamburger Initiative gegen Rüstungsexporte
Der Jemen-Konflikt und die UN – Jemen – Frieden sichern – Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V.
International Crisis Group – Sudan – https://www.crisisgroup.org/africa/horn-africa/sudan
Sahel-Konflikt Übersicht – https://www.crisisgroup.org/africa/sahel
Hinweis
In Kürze wird ein Artikel veröffentlicht, in dem geklärt wird, welche Rolle Hamburg als industrieller Standort zur Erstellung von Waffen gespielt hat.
Autor: Peter Scheller

