Aus der Militärübung wird ein Standortprojekt

Was sich gegenüber Red Storm Bravo verändert
Im September 2026 soll Hamburg erneut zum Übungsraum einer groß angelegten zivil-militärischen Verteidigungsübung werden. Nach Red Storm Bravo folgt Red Storm Charlie. Offiziell geht es um Resilienz, Krisenvorsorge und bessere Zusammenarbeit zwischen Militär und Zivilgesellschaft. Doch im Vergleich zur Vorjahresübung zeigt sich eine deutliche Verschiebung. Red Storm Charlie wird nicht nur fortgesetzt, sondern erweitert. Die militärische Seite soll zwar in etwa gleich groß bleiben. Der zivile Anteil wächst jedoch erheblich.
Damit verändert sich auch die politische Bewertung. Es geht nicht mehr nur darum, dass Bundeswehr, Polizei, Feuerwehr, THW und Hafenakteure eine Verlegung von Truppen und Material üben. Zunehmend werden Wirtschaft, Handelskammer, Einkaufszentren, Krankenhäuser, zivile Infrastruktur und öffentliche Kommunikation in das Übungsformat einbezogen. Aus einer Bundeswehrübung wird Schritt für Schritt ein gesamtstädtisches Projekt.
Red Storm Bravo – Was bisher geübt wurde
Red Storm Bravo war bereits keine einfache Katastrophenschutzübung. Das Szenario beruhte auf einer angespannten Lage an der NATO-Ostflanke. Militärische Kräfte sollten über Hamburg in Richtung Osten weiterverlegt werden. Hamburg wurde damit Teil der sogenannten „Drehscheibe Deutschland“.
In der Drucksache 23/4266 wird beschrieben, dass bei Red Storm Bravo unter anderem Polizei, Feuerwehr, THW, Hamburg Port Authority, HHLA, Airbus und Blohm+Voss eingebunden waren. Geübt wurden unter anderem Kolonnenbewegungen, Demonstrationslagen, Havarie- und Rettungsszenarien sowie die Zusammenarbeit zwischen militärischen und zivilen Akteuren.
Schon das war friedenspolitisch problematisch. Denn Hamburg wurde nicht nur auf Krisen vorbereitet, sondern auf eine Rolle als militärischen Drehscheibe.
Red Storm Charlie: Größer, ziviler, breiter
Der entscheidende Unterschied zu Red Storm Bravo liegt nicht in einer deutlichen Ausweitung der Zahl der Soldaten. Vielmehr wächst Red Storm Charlie vor allem auf der zivilen Seite. In der Anhörung vor dem Innenausschuss wurde ausdrücklich gesagt, der militärische Anteil bleibe beim bisherigen Maß, der Anteil der zivilen Akteure steige.
Neu ist unter anderem, dass Polizeieinheiten aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein eingebunden werden sollen. Auch Unternehmen und Organisationen treten deutlich stärker auf. Die Bundeswehr nennt inzwischen eine lange Liste beteiligter oder unterstützender ziviler Akteure. Das sind unter anderem Airbus, Blohm+Voss, Feuerwehr Hamburg, Polizei Hamburg, THW Hamburg, Bundespolizei, DRK, Johanniter, Malteser, DLRG, UKE, Hamburg Airport, Lufthansa Technik, Hochbahn, HADAG, Hamburg Messe und Congress, Handelskammer Hamburg, Handwerkskammer Hamburg, ECE, EDEKA, Netto, Schwarz Gruppe, Philips, HAW Hamburg, HHLA und Hamburg Port Authority.
Red Storm Charlie findet nicht nur im Hafen oder im Umfeld klassischer Sicherheitsbehörden statt. Die Übung greift in immer mehr Bereiche des städtischen Lebens hinein.
Red Storm Business – Die Handelskammer wird aktive Akteurin
Besonders auffällig ist Red Storm Business. Die Handelskammer Hamburg organisiert am 24. September 2026 einen Hamburg-weiten Aktionstag zur Krisenvorsorge für Unternehmen. Unternehmen sollen ein Krisenszenario – insbesondere einen längeren Stromausfall – im eigenen Betrieb durchspielen. Die Übung findet ausdrücklich im Kontext von Red Storm Charlie statt.
Offiziell klingt das zunächst vernünftig. Unternehmen sollen ihre Notfallpläne prüfen, Kommunikationswege testen und Schwachstellen erkennen. Das ist klassische betriebliche Krisenvorsorge.
Politisch heikel wird es aber durch den Rahmen. Red Storm Business ist nicht einfach ein allgemeiner Notfalltag der Wirtschaft. Es ist an eine zivil-militärische Verteidigungsübung gekoppelt und findet zeitgleich mit Red Storm Charlie statt. In der Drucksache wird sogar beschrieben, dass die Handelskammer Verbindungsleute in Operationszentralen haben soll. Das lässt aufhorchen.
Darf die Handelskammer das überhaupt?
Die Handelskammer Hamburg ist eine öffentlich-rechtliche Selbstverwaltungskörperschaft. Nach ihrer Satzung nimmt sie das Gesamtinteresse der Kammerzugehörigen wahr und fördert sie. Außerdem berät sie Behörden durch Vorschläge, Gutachten und Berichte. Nach dem Industrie- und Handelskammergesetz können IHKs ihre Mitglieder auch zu Fragen der Früherkennung und Bewältigung von Unternehmenskrisen beraten.
Soweit Red Storm Business also auf betriebliche Krisenvorsorge, Stromausfall, Lieferketten, Kommunikation und Betriebsfähigkeit gerichtet ist, spricht einiges dafür, dass dies grundsätzlich durch den Kammerauftrag gedeckt ist.
Die Handelskammer hat kein allgemeinpolitisches Mandat. Sie darf nicht einfach zur sicherheitspolitischen Vorfeldorganisation einer militärischen Gesamtstrategie werden. Sie muss das Gesamtinteresse aller Kammerzugehörigen beachten, also auch Unternehmen, die eine solche Einbindung in militärische Übungsformate kritisch sehen. Gerade wegen der Pflichtmitgliedschaft ist Zurückhaltung geboten.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: Darf die Handelskammer Unternehmen bei Krisenvorsorge unterstützen? Die entscheidende Frage lautet: Darf sie diese Unterstützung so eng mit einer Bundeswehrübung und einer militärischen Verteidigungsszenerie verknüpfen, dass Unternehmen politisch in eine Gesamtverteidigungsstrategie einbezogen werden?
Was spricht gegen Red Storm Business?
Gegen Red Storm Business spricht nicht die betriebliche Notfallvorsorge an sich. Jedes Unternehmen sollte wissen, was bei Stromausfall, Cyberangriffen oder Lieferstörungen zu tun ist. Problematisch ist die politische Einbettung.
Erstens werden Unternehmen über ein Kammerformat an eine militärische Übung herangeführt. Das kann dazu führen, dass wirtschaftliche Krisenvorsorge und militärische Lagevorbereitung verschwimmen.
Zweitens besteht die Gefahr, dass Pflichtmitglieder der Handelskammer mittelbar mit einer sicherheitspolitischen Positionierung verbunden werden, die sie vielleicht gar nicht teilen. Eine Handelskammer muss aber das Gesamtinteresse der Wirtschaft vertreten, nicht nur das Interesse jener Unternehmen, die sich als Teil einer Verteidigungslogistik verstehen.
Drittens stellt sich die Transparenzfrage. Wer entscheidet über Inhalt, Sprache und politische Rahmung von Red Storm Business? Wurde das Thema im Plenum der Handelskammer beraten? Welche Kosten entstehen? Welche Daten, Rückmeldungen oder Erkenntnisse aus Unternehmen werden gesammelt, ausgewertet oder weitergegeben? Und gibt es klare Grenzen gegenüber Bundeswehr, Behörden und Sicherheitsstrukturen?
Viertens wird eine neue Erwartungshaltung geschaffen. Wenn Unternehmen sich beteiligen, werden sie zu Akteuren einer gesamtgesellschaftlichen Resilienzstrategie. Wer nicht mitmacht, könnte sich irgendwann rechtfertigen müssen. Auch das muss offen diskutiert werden.
Pop-up-Infostände – Information oder Militärmarketing?
Eine weitere Neuerung sind Pop-up-Infostände in Einkaufszentren. Bereits in der Anhörung wurde angekündigt, die Bevölkerung in Einkaufszentren „mitzunehmen“. Die Bundeswehr verweist auf Informationsmaßnahmen im Vorfeld der Übung und spricht von Transparenz.
Natürlich muss eine Bevölkerung informiert werden, wenn Militärkolonnen, Hubschrauber, Fahrzeuge oder Einsatzkräfte im Stadtgebiet auftauchen. Information ist notwendig. Aber die Form ist entscheidend.
Einkaufszentren sind keine neutralen politischen Räume. Wer dort mit Pop-up-Ständen auftritt, betreibt niedrigschwellige Öffentlichkeitsarbeit. Das kann schnell den Charakter von Werbung bekommen. Wenn dort nur Bundeswehr, Behörden und unterstützende Akteure erklären, warum Red Storm Charlie notwendig sei, fehlt die demokratische Gegenperspektive.
Aus Sicht einer Friedenspartei muss gelten: Wenn militärische Übungen im öffentlichen Raum dargestellt werden, müssen auch kritische Fragen gestellt werden. Warum wird Hamburg als militärische Drehscheibe vorbereitet? Welche Risiken entstehen für die Stadt? Welche Grundrechtsfragen stellen sich bei Protesten? Wie wird verhindert, dass Bevölkerungsschutz zur Akzeptanzkampagne für Aufrüstung wird?
Panther Shield am Hamburger Flughafen – Nicht Red Storm, aber dieselbe Richtung
Hinzu kommt eine Entwicklung am Hamburger Flughafen. Vom 8. bis 12. Juni 2026 trainierte die Luftwaffe im Rahmen der Übung Panther Shield mit Tornado-Kampfflugzeugen auf dem zivilen Flughafen Hamburg. Dabei ging es um sogenannte Dispersed Operations beziehungsweise Agile Combat Employment. Kampfflugzeuge sollen nicht nur von klassischen Militärflugplätzen aus operieren können, sondern auch die zivile Infrastruktur nutzen.
Auch bei Panther Shield wird zivile Infrastruktur in eine militärische Verteidigungsszenerie eingebunden. Der Flughafen selbst erklärte, zivile Flughäfen seien im Ernstfall wichtige Start- und Landeoptionen. Die Übung solle die Zusammenarbeit mit zivilen Einrichtungen stärken und die Verteidigungsfähigkeit im Bündnisfall realitätsnah üben.
Damit wird deutlich, Hamburgs Rolle als militärisch nutzbarer Infrastrukturraum beschränkt sich nicht auf Hafen und Straßen. Auch der Flughafen wird in die Verteidigungsplanung einbezogen. Bemerkenswert ist zudem, dass der Hamburg Airport auch in der Liste der zivilen Partner von Red Storm Charlie auftaucht.
Was sonst noch neu ist
Red Storm Charlie wird stärker länderübergreifend. Kolonnen und Polizeikräfte aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein sollen eine Rolle spielen. Damit wächst die Übung über Hamburg hinaus. Hamburg wird nicht nur Übungsort, sondern Knotenpunkt in einem größeren norddeutschen Bewegungsraum.
Ausgeweitet wird auch die Beteiligung des Gesundheitsbereichs. Genannt werden unter anderem ASB, DRK, DLRG, Johanniter, Malteser, UKE, Bundeswehrkrankenhaus und Gesundheitsbehörde. Geübt werden sollen unter anderem Verletztenversorgung, Verletztentransport und der Aufbau einer Behelfsnotaufnahme. Auch hier stellt sich die Frage, wo ziviler Bevölkerungsschutz endet und militärische Verteidigungsvorbereitungen beginnen.
Das THW soll ebenfalls stärker eingebunden werden. Bereits bei Red Storm Bravo wurde ein Virtual Operations Support Team eingesetzt, das soziale Medien auswertete und Lagebeiträge lieferte. In der Anhörung wurde berichtet, dass dabei unter anderem Desinformationskampagnen, Sachbeschädigungen, Drohnensichtungen und unangemeldete Demonstrationsaufrufe erfasst wurden. Für Red Storm Charlie ist erneut eine Beteiligung des VOST vorgesehen.
Das ist besonders problematisch. Das THW ist eine Hilfsorganisation. Wenn es im Rahmen einer militärischen Übung soziale Medien auswertet, berührt das Fragen von Versammlungsfreiheit, Datenschutz, politischer Beobachtung und Aufgabenabgrenzung gegenüber Polizei und Nachrichtendiensten.
Neu ist außerdem die wissenschaftliche Begleitung. Die Bundeswehr kündigt an, dass eine Nachbereitung und wissenschaftliche Analyse durch die Helmut-Schmidt-Universität vorgesehen ist. Red Storm Charlie soll nicht nur durchgeführt, sondern systematisch ausgewertet und weiterentwickelt werden.
Und schließlich steht bereits Red Storm Delta im Raum. Die Bundeswehr spricht davon, vergleichbare Übungen künftig regelmäßig durchführen zu wollen. Erste Überlegungen für eine Fortsetzung im Jahr 2027 bestehen bereits.
Die eigentliche Entwicklung – Normalisierung
Wenn man alle Änderungen zusammennimmt, ergibt sich ein klares Bild. Red Storm Charlie ist nicht einfach Red Storm Bravo mit neuem Namen. Die Übung wird breiter, ziviler, öffentlicher und institutionell tiefer verankert.
Die Handelskammer organisiert Red Storm Business. Einkaufszentren werden Informationsorte. Unternehmen üben Krisenszenarien. Der Flughafen wird als zivile Infrastruktur für militärische Nutzung genutzt. Krankenhäuser, Hilfsorganisationen, Verkehrsbetriebe, Logistikunternehmen, Hochschulen und Handelsunternehmen tauchen als Partner auf. Die Übung wird wissenschaftlich begleitet und soll in den kommenden Jahren fortgesetzt werden.
Das ist die eigentliche politische Botschaft. Hamburg wird an eine neue Normalität gewöhnt. Militärische Verteidigungsvorbereitung wird nicht mehr nur als Aufgabe der Bundeswehr verstanden, sondern als gesamtstädtische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Friedenspolitik muss jetzt nachfragen
Eine Stadt muss auf Krisen vorbereitet sein. Stromausfälle, Cyberangriffe, Sabotage, Naturkatastrophen oder schwere Unfälle können reale Gefahren sein. Aber Krisenvorsorge darf nicht automatisch bedeuten, dass zivile Strukturen in militärische Operationsabläufe eingepasst werden.
Deshalb müssen jetzt Fragen gestellt werden:
- Wer kontrolliert Red Storm Charlie politisch?
- Welche Rolle spielt die Handelskammer tatsächlich?
- Welche Unternehmen beteiligen sich und aus welchen Gründen?
- Welche Informationen fließen zwischen Unternehmen, Handelskammer, Behörden und Bundeswehr?
- Wie werden Grundrechte und Versammlungsfreiheit geschützt?
- Welche Rolle spielen Einkaufszentren als Orte militärischer Öffentlichkeitsarbeit?
- Warum wird zivile Infrastruktur immer stärker „militarisiert“?
- Will Hamburg wirklich Modellstandort für zivil-militärische Gesamtverteidigung werden?
dieBasis sagt, dass Hamburg Katastrophenschutz, Krisenvorsorge und widerstandsfähige Infrastruktur benötigt. Aber Hamburg braucht keine schleichende Militarisierung des öffentlichen Raums. Eine Friedensstadt muss auf Deeskalation, Diplomatie, Transparenz und zivile Lösungen setzen – nicht auf die Gewöhnung an den Ernstfall.
Quellen
Drucksache 23/4266 der Hamburgischen Bürgerschaft: Bericht des Innenausschusses „Rückblick auf und Erkenntnisse aus Red Storm Bravo und Ausblick auf Red Storm Charly“ vom 29.05.2026 – https://www.hamburgische-buergerschaft.de/recherche-info/parlamentsdatenbank
Red Storm Charlie, Hamburg übt den Ernstfall – und kaum jemand stellt die Friedensfrage – https://diebasis-hamburg.de/2026/06/red-storm-charlie/
Bundeswehr: Red Storm Charlie – Bundeswehr-Übung 2026 in Hamburg – https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/landeskommando/hamburg/uebung-red-storm-charlie
Handelskammer Hamburg: Red Storm Business – https://www.handelskammer-hamburg.de/international-aussenwirtschaft/red-storm-business
Handwerkskammer Hamburg: Red Storm Business – hamburgweiter Aktionstag für Betriebe, 15.06.2026 – https://www.hwk-hamburg.de/artikel/red-storm-business-hamburgweiter-aktionstag-fuer-betriebe-93,0,2379.html
Handelskammer Hamburg: Satzung – https://www.handelskammer-hamburg.de/ueber-uns/rechtliches/satzung-6678258
Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom 14.10.2020, 8 C 23.19 – https://www.bverwg.de/de/141020U8C23.19.0
Hamburg Airport: Übung Panther Shield – Luftwaffe trainiert am Hamburger Flughafen, 28.05.2026 – https://www.hamburg-airport.de/de/unternehmen/presse/uebung-panther-shield-luftwaffe-trainiert-am-hamburger-flughafen-93560
Bundeswehr: Operationsplan Deutschland – https://www.bundeswehr.de/de/organisation/operatives-fuehrungskommando-der-bundeswehr/auftrag-und-aufgaben/operationsplan-deutschland
Autor: Peter Scheller


Gut konkret aufgedrödelt und sachlich dargestellt. Schritt für Schritt wird eine mental sturmgeschossene Bevölkerung in die mögliche Vollkatastrophe geführt. Zivilschutz halte auch ich für wertvoll, aber wenn man nur einen Teil der sonstigen Energie auf den Diskurs, auf die Vermeidung von Krisen verwenden würde (anstatt ausschließlich auf deren „bestmögliche Bewältigung“) wäre schon einiges gewonnen. Jede Bemühung lohnt, danke!