Hamburg übt den Ernstfall – und kaum jemand stellt die Friedensfrage

Vom 24. bis 26. September 2026 soll Hamburg erneut Schauplatz einer groß angelegten zivil-militärischen Übung werden: Red Storm Charlie. Offiziell geht es um „Resilienz“, Krisenvorsorge und bessere Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Behörden, Blaulichtorganisationen, Unternehmen und zivilen Akteuren.
Doch wer die Drucksache 23/4266 der Hamburgischen Bürgerschaft liest, erkennt noch etwas anderes. Hamburg wird Schritt für Schritt daran gewöhnt, im Ernstfall als Aufmarsch-, Durchgangs- und Koordinierungsraum militärischer Operationen zu funktionieren.
Worum ging es in der Anhörung?
Der Innenausschuss der Hamburgischen Bürgerschaft befasste sich am 30. April 2026 im Rahmen einer Selbstbefassung mit dem Thema „Rückblick auf und Erkenntnisse aus Red Storm Bravo und Ausblick auf Red Storm Charly“. Grundlage war eine Anhörung von Auskunftspersonen nach § 58 Abs. 2 der Geschäftsordnung. Geladen waren unter anderem Kapitän zur See Kurt Leonards vom Landeskommando Hamburg, Vertreter von Airbus, Rheinmetall Division Naval Systems beziehungsweise Blohm+Voss sowie das Technische Hilfswerk Hamburg.
Schon formal fällt auf. Obwohl eine Vorbemerkung ausdrücklich festhielt, dass Wortmeldungen von Senatoren vorab „allgemein nicht üblich“ seien, hielt Innensenator Andy Grote ein Eingangsstatement. Er setzte den politischen Rahmen und verwies auf eine „aggressive Politik Russlands“ sowie hybride Bedrohungen hin. Damit war der Ton gesetzt. Nicht kritische Abwägung standen im Raum, sondern sicherheitspolitische Einordnung im Geist der Zeitenwende.
Das Szenario: Hamburg als militärische Drehscheibe
Das Übungsszenario ist keineswegs harmlos. In der Anhörung wurde beschrieben, dass ein baltischer Staat Artikel-4-Konsultationen der NATO beantragt habe. Daraufhin würden Streitkräfte zur Abschreckung an die Ostflanke des Bündnisses verlegt. Hamburg wäre in diesem Szenario Teil der Aufmarschrichtung. Die Bundeswehr benötigt dafür zivile Unterstützung, und genau diese Schnittstellen sollen geübt werden.
Die Bundeswehr beschreibt Red Storm Charlie offiziell als innerstädtische Übung vom 24. bis 26. September 2026. Trainiert werden sollen unter anderem Truppen- und Materialverlegung, Zusammenarbeit mit Polizei, Feuerwehr, THW, Behörden und Unternehmen sowie die Rolle Hamburgs innerhalb der „Drehscheibe Deutschland“. Insgesamt sollen rund 500 Soldatinnen und Soldaten mit Fahrzeugen und Hubschraubern beteiligt sein.
Hamburg übt nicht einfach Katastrophenschutz. Hamburg übt seine Rolle in einer militärischen Lage.
„Resilienz“ – ein gutes Wort für einen gefährlichen Bedeutungswechsel
Immer wieder fällt in der Drucksache das Wort Resilienz. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe definiert Resilienz als Fähigkeit von Systemen und Lebewesen, Ereignissen zu widerstehen oder sich anzupassen und dabei Funktionsfähigkeit und Überleben zu sichern.
Das klingt zunächst vernünftig. Natürlich sollen Krankenhäuser, Energieversorgung, Verkehr, Wasser, Kommunikation und Rettungsdienste auch in Krisen funktionieren. Doch in Red Storm Charlie bekommt der Begriff eine besondere Bedeutung. Resilienz bedeutet hier vor allem, zivile Strukturen für militärische Lagen anschlussfähig zu machen.
Es stellt sich die Frage. Wo endet Katastrophenschutz und wo beginnt die Normalisierung militärischer Infrastruktur mitten in der Stadt?
KRITIS: Schutz kritischer Infrastruktur oder Vorbereitung auf den Kriegsfall?
Auch der Begriff KRITIS spielt in der Debatte eine Rolle. KRITIS steht für kritische Infrastrukturen, also Einrichtungen und Dienste, deren Ausfall erhebliche Folgen für Versorgung, Sicherheit und das öffentliche Leben hätte. Das neue KRITIS-Dachgesetz soll Betreiber kritischer Anlagen stärker zu Risikoanalysen, Resilienzmaßnahmen und Meldepflichten verpflichten.
Doch auch hier kommt es auf die politische Richtung an. Es ist eine Sache, Krankenhäuser, Wasserwerke, Energieversorgung und Kommunikationsnetze gegen Ausfälle, Sabotage oder Naturkatastrophen zu schützen. Es ist eine andere Sache, sie in eine militärische Gesamtübung einzubinden, bei der Hamburg als ein NATO-Aufmarschgebiet dient.
Red Storm Business: Krisenvorsorge oder Standortmarketing für den Ernstfall?
Besonders bemerkenswert ist der Begriff Red Storm Business. Nach Darstellung in der Drucksache soll die Handelskammer Hamburg Unternehmen motivieren, Notfallpläne, Kommunikationspläne und Krisenabläufe zu erstellen. Verbindungsleute der Handelskammer sollen wiederum in den Operationszentralen eingebunden sein.
Die Handelskammer beschreibt Red Storm Business als niedrigschwelliges Angebot für Unternehmen, ein konkretes Krisenszenario – etwa Stromausfall – im eigenen Betrieb durchzuspielen. Zugleich findet Red Storm Business ausdrücklich im Kontext der zivil-militärischen Übung Red Storm Charlie statt.
Formal betont die Bundeswehr, dass sie Red Storm Business nicht organisiert und nicht daran teilnimmt. Politisch bleibt aber die Frage. Wird hier unter dem neutral klingenden Begriff „Business Continuity“ die Wirtschaft an die Logik militärischer Lagebewältigung herangeführt?
Rheinmetall, Blohm+Voss und wirtschaftliche Interessen
In der Anhörung wurden zwei Personen als Vertreter von Rheinmetall Division Naval Systems aufgeführt. Das erklärt sich dadurch, dass Rheinmetall die militärische Sparte Naval Vessels Lürssen übernommen hat; der Übergang wurde nach Unternehmensangaben zum 1. März 2026 abgeschlossen. Zu NVL gehören auch die Hamburger Werft Blohm+Voss und weitere norddeutsche Werften.
Der Geschäftsführer von Blohm+Voss verwies in der Anhörung offen auf die langjährige Partnerschaft mit der Bundeswehr und darauf, dass Blohm+Voss an allen Fregatten- und Korvettenprogrammen der Deutschen Marine beteiligt gewesen sei. Das ist legitim aus Sicht eines Rüstungsunternehmens, aber es zeigt auch folgendes. Wenn Rüstungswirtschaft, Handelskammer, Hafenlogistik, Behörden und Bundeswehr gemeinsam üben, verschwimmen die Grenzen zwischen Krisenschutz, Standortpolitik und Militär.
Das THW und die sozialen Medien
Verstörend ist die Passage zum Technischen Hilfswerk. Der THW-Vertreter berichtete, dass das Virtual Operations Support Team, kurz VOST, soziale Medien auswertete und Lagebeiträge etwa zu Desinformationskampagnen, Sachbeschädigungen, Drohnensichtungen und unangemeldeten Demonstrationsaufrufen lieferte.
Warum tritt eine Hilfsorganisation in einer militärisch gerahmten Übung als Auswerter sozialer Medien auf? Wo liegen die Grenzen zwischen Lagebild, Beobachtung politischer Proteste und staatlicher Überwachung? Und warum wurde diese Frage im Ausschuss nicht viel grundsätzlicher diskutiert?
Beifall statt kritischer Kontrolle
Auffällig ist die Tonlage der Anhörung. Immer wieder wurde gedankt, gelobt und Zustimmung signalisiert. Ein CDU-Abgeordneter sagte sogar, man finde es „wunderbar“, dass gerade Hamburg Austragungsort dieser Übungen sei. Es ließt sich so, als habe Hamburg gerade den Zuschlag für ein sportliches Großereignis erhalten.
Kritische Nachfragen gab es nur punktuell, etwa zu Protesten, scharfer Munition, Informationsflüssen oder zur Frage, ob festgestellte Defizite systematisch überprüft werden. Eine grundsätzliche friedenspolitische Kritik an der Militarisierung des öffentlichen Raums ist im Protokoll dagegen nicht erkennbar.
Eine öffentliche Anhörung über eine Übung, in der Hamburg als militärische Drehscheibe für Truppenbewegungen Richtung Osten erprobt wird, müsste eigentlich Anlass zu einer breiten demokratischen Debatte sein. Stattdessen wirkt vieles wie eine gemeinsame Erfolgsstory.
Proteste, Kolonnen und scharfe Munition
Besonders deutlich wird die Problematik bei der Frage nach zivilen Protesten. In Red Storm Bravo wurden Demonstrationslagen geübt. Die simulierten Demonstranten wurden von Soldaten in Zivil gestellt, die polizeiliche Auflösung blieb Aufgabe der Polizei.
Auf Nachfrage wurde außerdem bestätigt, dass einzelne Soldaten mit scharfer Munition ausgestattet seien. Als Begründung wurde angegeben, die meisten Soldaten trügen Waffen ohne Munition. Damit den unbewaffneten Soldaten deren Waffen nicht abgenommen würden, seien einzelne Soldaten aufmunitioniert.
Auch wenn dies rechtlich und sicherheitsorganisatorisch begründet wird. Für Bürgerinnen und Bürger ist das eine Zäsur. Militärische Kolonnen im Stadtraum, Protestübungen, polizeiliche Begleitung und vereinzelt scharfe Munition – all das ist nicht einfach „Awareness“. Es verändert das Bild öffentlicher Sicherheit in unseren Straßen.
Pop-up-Stände und die neue Normalität
Die Bundeswehr plant Pop-up-Infostände in Einkaufszentren, um die Bevölkerung „mitzunehmen“. Bereits bei Red Storm Bravo habe man gute Erfahrungen mit Information an Schulen gemacht.
Die offizielle Kommunikation spricht von Transparenz. Man kann es aber auch anders sehen. Hier wird die Bevölkerung Schritt für Schritt an Militärpräsenz im Alltag gewöhnt. Erst fährt die Kolonne nachts, dann wird der Hubschrauberlärm erklärt, dann folgen Infostände, Besucherkonzepte und Einladungen an Abgeordnete als Multiplikatoren.
Das mag professionell organisiert sein. Aber Friedenspolitik fragt nicht nur, ob es professionell organisiert ist. Friedenspolitik fragt, wohin es führt.
Von Charlie zu Delta
Die Bundeswehrseite bemerkt, dass bereits erste Überlegungen für eine Fortsetzung der Übungsreihe mit Red Storm Delta im Jahr 2027 bestehen. Auch in der Anhörung wurde deutlich, dass Red Storm nicht als einmaliger Vorgang gedacht ist, sondern als Serie, die weiterentwickelt werden soll.
Damit droht eine neue Normalität. Hamburg als Übungsraum für Bündnisverteidigung, Unternehmen als Krisenpartner, Hilfsorganisationen als Lagebildakteure, Bevölkerung als Zielgruppe von Awareness-Kampagnen.
Die eigentliche Frage
Niemand bestreitet, dass eine Stadt auf Krisen vorbereitet sein muss. Niemand bestreitet, dass Feuerwehr, THW, Krankenhäuser und Unternehmen funktionierende Notfallpläne brauchen. Aber Red Storm Charlie ist mehr als Katastrophenschutz. Es ist eine Übung in einem militärischen Bündnisszenario.
Wer Hamburg in diese Rolle bringt, muss auch über die Folgen sprechen. Wird die Stadt dadurch sicherer oder wird sie stärker in mögliche Eskalationsszenarien eingebunden? Wird die Bevölkerung geschützt oder wird sie an den Ernstfall gewöhnt? Ist „Resilienz“ hier wirklich Vorsorge oder die zivile Seite der Aufrüstung?
Hamburg sollte nicht stolz darauf sein, Aufmarschgebiet zu werden. Hamburg sollte stolz darauf sein, Friedensstadt zu sein.
Autor: Peter Scheller

